„Geboren im GULag. Auf den Spuren der russischen Schriftstellerin Jewgenia Ginsburg“ – Ein Zeitzeugengespräch im Rahmen der Ausstellung „Zeitalter der Extreme“

Zum Abschluss der Ausstellung „Zeit der Extreme – die kurzpfälzische Arbeiterbewegung zwischen KG und GULag“ in den Räumen von Verdi in Ludwigshafen veranstalte der Sozialdemokratische Bildungsverein Mannheim-Ludwigshafen mit Herrn Dr. Jens Hildebrandt als Moderator ein überaus spannendes und intensives Zeitzeugengespräch. Unter dem Titel „Geboren im GULag. Auf den Spuren der russischen Schriftstellerin Jewgenia Ginsburg“ erzählte die russische Schauspielerin Antonina Axenowa, die Adoptivtochter von Jewgenia Ginsburg, im Gespräch mit dem Dokumentarfilmer Mario Damolin von ihren schrecklichen Erlebnissen der stalinistsichen Terrorherrschaft. Für Sie vergeht kein Tag, an dem Sie nicht an die ersten Lebensjahre in einem Kinderheim denken muss, das zum sowjetischen GULag in der Nähe der Hafenstadt Magadan gehörte. Wie und warum Axenowa ins Lager kam, weiß sie nicht. Während dieser harten Jahre lernte sie ihre Stiefmutter Jewgenija Ginsburg kennen. Ginsburg wurde neben Walam Schalamow und Alexander Solschenizyn zur literarischen Chronistin und weiblichen Stimme des GULag. Ihre späteren Erinnerungen Marschroute eines Lebens und Gratwanderung sind ausdrucksstarke Zeugnisse über den Häftlingsalltag in Magadan und den umliegenden Lagern. Antonia Axenova hat gemeinsam mit dem Heidelberger Filmemacher Mario Damolin den Ort ihrer Kindheit besucht. Sehr eindringlich schilderte Axenowa den Alltag der Häftlinge und die unterschiedliche Lebenssituationen in den verschiedenen Lagern. Aber auch die Zeit nach der Entlassung und die Auswirkungen der Haft auf ihre Eltern wurden beleuchtet. Als sie die Folgen der Krankheit Ihres Stiefvaters Anton Walter begriff, begann sie sich zu fragen, welche Personen oder welches System in der Lage sei, seinen Bürgern so etwas Schreckliches anzutun. Allerdings betonte Axenowa ebenfalls die Tatsache, dass die meisten der Inhaftierten auch unter diesen menschenverachtenden Umständen ihre Menschlichkeit bewahren konnten. Das ist ein Aspekt, der ihr bis heute großen Respekt abverlangt. Dennoch ist es sehr schwer möglich, die Ausweg- und Hoffnungslosigkeit der im GULag Inhaftierten nachzuvollziehen. Heute setzt sich die ein Teil der russischen Gesellschaft aktiv mit der Geschichte des GULag in dieser Region auseinandersetzen. So zeigte Damolin in Ausschnitten seinen Filmes engagierte russische Bürger, die in ihrer Freizeit Artefakte an den zunehmend zerfallenen Orten des GULags sammeln. Die Gegenstände und weitere Dokumente stellen sie in Ihren Privaträumen aus, da kein öffentlicher Raum zur Verfügung steht. Zwar bekommen diese Bürger von offizieller Seite wiederholt Angebote, die Sammlung abzugeben. Allerdings ist das Misstrauen gegenüber der staatlichen Verwaltung sehr ausgeprägt, so dass man gesammelten Gegenstände und Dokumente lieber noch selbst verwaltet. Wie sich allerdings die Zukunft des zivilgesellschaftlichen Aufbruchs unter den Bedingungen des gegenwärtigen Russlands gestaltet, ist zunehmend ungewiss. Dies wird auch an anderer Stelle deutlich. Denn Recherchen und Filmaufnahmen zu diesen Themen werden zunehmend schwierig, da viele Offizielle mit zunehmender Entfernung von Moskau Angst haben Fehler zu machen, die später zu ihren Lasten ausgelegt werden. Aus diesem Grund verweigern sie Genehmigungen, die früher eher gewährt wurden.

Der gut besuchte Abend machte wieder deutlich, dass die Macht der Regierenden über ihre Bürger eingeschränkt werden muss und dass die Freiheit des Individuums und deren Schutz eine zentrale Aufgabe für den Staat sein müssen.

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